Niederlande: Best of the West
Die Niederlande gelten als das Silicon Valley des internationalen Bootsbaus. Mit ihrem traditionellen Design, ausgezeichneter Qualität und sprichwörtlicher Seefreundlichkeit nehmen Verdränger, Sloepen und Segelyachten aus Holland eine Ausnahmestellung auf dem Bootsmarkt ein.Kaum ein anderes Volk ist so lange mit der See konfrontiert wie die Niederländer – und ebenso eng mit dem Meer verbunden. Unsere westlichen Nachbarn greifen auf eine Jahrhunderte währende Erfahrung als führende Seefahrernation zurück.
Holland ist nah am Wasser gebaut: Schifffahrtsstraßen und Kanäle prägen das Bild des knapp am Meeresspiegel liegenden Landes – und seine Leute. Der maritime Sektor in Holland ist – nach heftiger Krise erneut – ein lebendiges „Ökosystem“ von 11.000 Unternehmen in einem Radius von nur 100 Kilometern.
Neben dem überwiegend verwendeten Baustoff Stahl kommen zunehmend mit GFK verstärkte Kunststoffe und Aluminium beim Bootsbau zum Einsatz, und das sowohl bei der Konstruktion kleiner Schaluppen (korrekt „Sloepen“ genannt) als auch beim Bau großer Explorer-Schiffe. Bei Yachten über 45 Metern Länge haben die Niederlande einen Weltmarktanteil von 35 %.
Beginnen wir grenznah: Die friesische Consonant-Werft ist bekannt für Stahlschiffe des Typs Kuster – wie die Kuster A-38, die wir im Juni 2006 getestet haben. Im Gegensatz zu Wettbewerbern unterstreicht Consonant den hochwertigen Charakter seiner Schiffe nicht über einen hohen Preis. Die von uns gefahrene A-38 lag preislich mit Extras wie Heckstahlruder, zweitem Steuerstand, Davits und Solarmodulen bei einem Betrag, für den andere Werften nicht einmal die Grundversionen anbieten.
Für steigende Nachfrage nach hochseetauglichen Verdrängern oberhalb von 14 Metern Länge wurde die Marke Noaber geschaffen. Die Consonant Noaber 47 (Test in der September-Ausgabe 2010) ist mit ihrem klassischen, sehr sicher wirkenden Äußeren und freundlich wirkenden und komfortablen Interieur ein liebenswertes Boot, das mit zwei Motoren des Typs Vetus Deutz DTA-44 auch für Hochsee-Törns geeignet ist.
Außer den stählernen Motoryachten, die seit mehr als 35 Jahren unter dem Namen Pedro gebaut und verkauft werden, gibt es seit 2009 mit der Produktlinie Cantia auch Motoryachten aus GFK. Der Rumpf stammt von einem Partnerunternehmen; alle anderen Arbeiten wie die Holzverkleidung, Installationen und die weitere Entwicklung des Bootes werden auf der Pedro-Werft in Zuidbroek ausgeführt.
Die Pedro Bora 43 ist das aktuelle Flaggschiff der Werft. Die Basis dieses Modells stammt vom Ende der 1980er-Jahre; seitdem ist das 43-Fuß-Schiff kontinuierlich verbessert worden. Der stählerne Trawler mit Aluminiumaufbau ist mit der CE-Entwurfskategorie B zertifiziert. Entsprechend sieht man das Schiff auch auf dem Meer von Holland bis Finnland und im Mittelmeer.
Das 1938 mit der Herstellung kleiner Holzboote gestartete Unternehmen Mulder wandelte sich im letzten Vierteljahrhundert mehrfach. Seit mehr als 25 Jahren steht Dick Mulder am Ruder der von seinem Vater gegründeten Werft, die heute vor allem mit großen Semi-Custom-Luxusyachten erfolgreich ist, die bis nach Neuseeland, Russland und in arabische Länder exportiert werden.
Nach Auslieferung einer Mulder 92 mit Flybridge an einen ägyptischen Kunden im April 2010, hat die in Voorschoten ansässige Luxuswerft aus Deutschland den Auftrag für eine Mulder 72 Convertible erhalten. Das Schiff basiert auf der 68 Convertible und ist mit seinem 22-Meter-Rumpf ein wenig länger.
Die Yachten von Vri-Jon Jachtbouw aus Ossenzijl fallen wegen ihrer tiefroten und sandfarbenen Rümpfe auf. Während die Contessa-Modelle zugleich zeitlose und moderne Motoryachten sind, steht das kürzel „OK“ für offene Plicht, ein Yachttyp, der immer mehr gefragt ist.
Entsprechend setzt man auf die Weiterentwicklung der bewährten Open-Kuip-Baureihe – mit einer im letzten Jahr vorgestellten 50-Fuß-Variante dieses hochbordigen Stahlmotoryachttyps aus der Feder des Schiffsdesigners Willem Nieland. Der Rundspanter zeichnet sich durch die geringe Durchfahrtshöhe und einen für ein Boot dieser Größe sehr flach gehenden Rumpf aus.
Da die Kundschaft derzeit nach immer größeren Schiffen verlangt, wurde im vergangenen Jahr die Produktionshalle ausgebaut und verlängert. Derzeit werden hier die Baureihen Contessa, OK Open Kuip und Classic gefertigt. Mit dem Bau einer weiteren, größeren Produktionshalle wurde inzwischen begonnen, sodass Vri-Jon in Zukunft auch Schiffe von mehr als 15 Metern Länge bauen kann. Mit der ersten Vri-Jon OK 49 haben die Ossenzijler die bisher größte Yacht der OK-Serie zum 25. Firmenjubiläum in Angriff genommen.
Schaluppen waren die Rettungsboote von Großseglern und werden in den Niederlanden als Sommer Ausflugsboote genutzt. Die traditionsbewussten Eigner hegen und pflegen ihre meist in Klinkerbauweise hergestellten Lieblinge, die viele Werften im Programm haben. Nach historischen Vorbildern werden heute neben Holz auch Aluminium und glasfaserverstärkte Kunststoffe für den Bau verwendet.
Die Verdrängerboote sind mit Einbaudieseln motorisiert, haben einen bauchigen Rumpf und ein Spiegelheck, werden zentral mit Steuerrad pilotiert oder von der Pinne. Sloepen sind offene Boote mit umlaufender Weeling, viel Platz und teils luxuriöser Ausstattung. Heute wird die Sloep oft mit einer Kajüte ausgestattet, sodass ein neuer Bootstyp entstanden ist: die Kabinen- oder Kajütsloep.
Antaris Shipyard aus Woudsend bietet neben den bekannten Pieterse-Kajütbooten in Längen von 7,20 bis 10,50 m mit der Connery 29 eine 8,50 m lange, 3,05 m breite und 70 cm tief gehende Kabinen-Sloep. Dieses Tourenboot bietet Stehhöhe im Salon. Das von Martin Bekebrede entworfene Modell verfügt über eine kleine Pantry, eine Toilette sowie eine Doppelkoje im Vorschiff. Optional ist der 29-Fußer mit einer Achterkabine erhältlich, die genug Platz für zwei zusätzliche Kojen bietet.
Wer glaubt, dass sich die mit 2,45 m Breite trailerbare Sloep wegen ihres Beinamens „Lounge“ nur im Schritttempo bewegen lässt, der irrt. Als wir bei unserem Test der Antaris 630 (nachzulesen in Ausgabe Juli 2010) den Hebel nach vorn legen, ziehen wir ab 1.500 U/min eine dicke Heckwelle nach, die bei 2.500 Touren und deutlich aufgestiegenem Bug zur Hecksee anschwillt. Auf stolze 10,7 Knoten Höchstfahrt bringt es unser Testboot bei 42 PS Nominalleistung.
Bei WeCo-Motorsloepen aus Rijnsaterwoude sind die klassischen Schaluppen sogar mit einem festen Steuerhaus versehen. Das größte Modell der acht Boote umfassenden Palette bietet eine Kajüte mit zwei bis vier Kojen, eine Pantry sowie eine separate Nasszelle. Der Bestseller unter den holländischen Tagesausflugsbooten, die leichte, preiswerte und sparsam zu betreibende WeCo 635 ist für sieben Personen zugelassen und wird seit mehr als zehn Jahren unverändert gebaut.
Linssen Yachts aus Maasbracht entwickelt die Grand-Sturdy-Baureihe ebenfalls im Detail kontinuierlich weiter. Die Linssen Grand Sturdy 25.9 Hybrid, als Weltpremiere auf der Interboot 2010 vorgestellt, spricht Bootfahrer an, die mit der 8,20 m langen Stahlyacht vor allen Dingen leise, gemütlich und fast ohne CO2-Ausstoß auf See- oder Flussreise gehen wollen.
Das Negativste, das unser Tester bei seiner Probefahrt mit der Linssen Grand Sturdy 36.9 anmerken konnte, war das schlechte Wetter am Testtag – nachzulesen in unserer Januar-Ausgabe 2011. Bereits zuvor, am 26. November, erfolgt die Weltpremiere des Range Cruisers 430 Sedan Variotop in Maasbracht.
De Boarnstream aus Jirnsum bietet nach dem 2008 vorgestellten 60-Fuß-Schiff die um zehn Fuß kürzere 50-Fuß-Variante einer Medium-Megayacht an. Die Boarncruiser 50 Retro Line, nach CE-Norm mit A für den Hochseebetrieb zertifiziert, ähnelt ihrer größeren Schwester und übernimmt deren Design und Aufteilung.
Bei Segelyachten sind die Niederlande mit den ganz großen Schiffen Weltmarktführer. Im mittleren Segment tummeln sich einige hier zu Lande weniger bekannte Werften. Die 2009 präsentierte einhandfähige C-Yacht 10.50 gilt als die niederländische Antwort auf skandinavische Segelyachten. Gute Segeleigenschaften werden durch ein modernes 9/10-Rigg und eine High-Aspect-Fock, die hohe Stabilität durch einen Ballastanteil von mehr als 40 % erreicht.
Zeeman aus Enkhuizen hat mit der Zeeman 41 eine von Arjen Keer entworfene Fahrtenyacht (Verzeihung: …jacht) auf den Markt gebracht, die klassische Linien mit aktuellsten Segeleigenschaften verbindet. Das Semi-custom-Modell kann – ebenfalls typisch holländisch – weit gehend individualisiert werden. Und das Schönste und Wichtigste: „Ze zeilt geweldig!“
Luxus fahren zum All-Inclusive-Standardpreis ist die Devise von Babro Yachting. Als Weltneuheit auf der diesjährigen hiswa te water vorgestellt, gefällt die Stahlyacht Babro Classic 1400 AK durch nützliche Komfortmerkmale für Dauerbewohner, wie eine Warmluftheizung, Waschmaschine und großzügig geschnittene Räume unter Deck – wie erwähnt – zum Basispreis.
Die Scheepswerf de Breedendam aus Amsterdam fertigt unter anderem beeindruckende Backdecker im klassischen Holz-Look. Der Rumpf darunter besteht aus Aluminium, der Antrieb des 13-m-Modells MTB 30 erfolgt standesgemäß und stilsicher mit zwei Volkswagen-Marine-TDIs mit je 350 PS Leistung.
Zu „150 % custom built“ nennt die Yachtwerft De Combinatie ihr Stahlschiff Combi FB Exclusive. Die 1965 gegründete, für ihre Spiegelkotter und den Combikotter bekannte Werft aus Dordrecht fertigt hochwertige Stahlverdränger von zehn bis 17 m Länge. Seit geraumer Zeit arbeitet der Hersteller mit Volkswagen Marine als Motorenlieferant zusammen.
Als preiswertes, aber gut eingerichtetes Modell präsentiert sich die Almeria 850 von Flevo Mouldings. Die 8,50 m lange GFK-Motoryacht hatte ihre Deutschlandpremiere während der letztjährigen hanseboot. Interessant: Ab Cityport Werder kann das Schiff führerscheinfrei gechartert werden.
Zwei Holländer hatten einen Traum: Sie wollten mit Freunden Boot fahren und dabei die Schönheit der Natur und das leise Plätschern des Wassers genießen. Dann wollten sie Gas geben und den schnellsten Kurs auf ein schönes Restaurant am Wasser nehmen. Kurzum, sie wollten sich nicht entscheiden – und entwickelten ein Hybridboot.
Der Prototyp ihrer Erfindung, der Fineliner 33 in der Hybridversion mit Volkswagen-Marine-Diesel in Kombination mit Iskra-Elektroantrieb, war während der Hiswa te water 2010 in IJmuiden zu sehen. Das zwei Tonnen (als Hybrid 2,8 t) verdrängende, flache und schlanke Boot bietet eine sehr edle Erscheinung mit wundervollen Holzarbeiten an Deck und in der Vorschiffskabine. Das erste Boot hier zu Lande liegt in Kürze in Berlin bereit.
Die Wurzeln der niederländischen Bootsmarke Long Island reichen zurück ins Jahr 1962, als die in Warmond ansässige Werft Van Leest mit dem Bau von Polizei- und Feuerwehrbooten begann. Das selbst gewählte Motto „Echte Schönheit kennt keine Kompromisse“ sieht man den aus Vinylester im Sandwichverfahren gefertigten Booten mit ihren tiefblauen Rümpfen, großzügig auf den Decksflächen verwendetem Teakholz und chromblitzenden Details denn auch durchgängig an.
Die Long-Island-Modellreihe umfasst heute drei Boote in zwei Rumpflängen, die in insgesamt sechs Varianten erhältlich sind. Die Long Island 28 Sportsman, 33 Sportsman und 33 Runabout, die über ein großes offenes Cockpit verfügen, können alternativ jeweils auch mit großer achterlicher Liegefläche als so genannte Sun-Version geordert werden.
Interboat in Zwartsluis bietet mit der neun Meter langen Intercruiser 29 eine Kombination aus Sloep und Kajütkreuzer an. Die Preisliste beginnt bei 149.500 Euro für das komplett ausgestattete Wanderboot, das nach CE-Norm B für küstenferne Gewässer zertifiziert ist. Ein bisschen länger, breiter und höher, aber nicht so stark motorisierbar und auch ein wenig teurer als die Antaris, ist die für neun Personen zugelassene Interboat 650, deren Optionsliste sehr lang ist.
Bei Rapsody vereinen sich historische und moderne Elemente zu einem eleganten, sehr eigenständigen Erscheinungsbild. Die holländische Yachtbautradition und das Lobster-Design der Schiffe verbinden sich zu einem ganz neuen Bootstyp. Nach anfänglicher Produktion in der Türkei werden die Yachten heute im niederländischen Friesland gebaut. Die Modellreihe reicht von der Rapsody 55 bis hinunter zur Rapsody 30, die als schnell fahrendes Motorboot mit klassischen Linien über eine Kajüte und ein geräumiges offenes Cockpit verfügt.
Acht stattliche Modelle zwischen acht und 15 m Länge fertigt die auf Stahl- und Aluminiumbau spezialisierte Bootswerft Visscher derzeit in drei Baumustern, die alle fürs Wasserwandern geeignet sind. Die von uns gefahrene Concordia 1050 (Test in Ausgabe Oktober 2010) erfreut durch einfache Bedienung, seidenweichen Lauf der Maschine und reichhaltige Serienausstattung. Am wirtschaftlichsten fährt man bei 2.000 U/min und 7,8 Knoten, so schnell wie eine Spazierfahrt mit dem Fahrrad – ein höchst menschliches Tempo. Mit Hilfe der langen Optionsliste lässt sich die Dreikabinenyacht individuell ausstatten.
Diamond Jachtbouw aus Heusden legt eine neue Schiffsreihe mit Yachten von 15 bis 24 Metern Länge auf. Das erste neue Modell aus dieser Reihe, die Diamond 50, wurde kürzlich übergeben. Mit allem Komfort ausgerüstet, ist das Boot zudem ergonomisch hervorragend konzipiert: Salon, Steuerhaus, Plichtboden und Fallreeps sind höhengleich. In der offenen Plicht gibt es an der Steuerbordseite einen zweiten Steuerstand, um auch allein anlegen zu können. Praktisch: Alle Kanäle sind dank der niedrigen Durchfahrtshöhe von 2,90 m zugänglich.
Kaum ein Land bietet so viel Vielfalt im Bootsbau wie die Niederlande. Neben den genannten Werften haben Anbieter wie Aquanaut, Bruijs, Contest, De Drait, Excellent, Guardian, Gulliver, Makmarine, Serious Yachts, Smelne, Stentor, Succes, Van der Falk und Veha (um nur den motorisierten Wassersport zu nennen) ihre jeweils ganz eigene Qualität. Wir bleiben dran.
Text: Stefan Gerhard, Uwe G. Meiling