Praxis Alles über Wasserskiboote
Die Kiwis kommen
Der „kleine“ America’s Cup – so wird der Audi Med Cup auch genannt. Zu Recht: In der Bootsklasse TP 52 halten sich die weltbesten Segler in Form. Dieses Jahr steht die Regattaserie ganz im Zeichen Neuseelands. Matthias Müncheberg begleitete die Kiwis bei der einzigen Atlantik-Etappe an Bord der „Fly Emirates“ vor Portimão.Beim Besteigen der „Fly Emirates“ des neuseeländischen Teams in der Marina von Portimão streckt mir ein drahtiger, muskulöser Typ im schwarz-weißen Dress die Hand entgegen: „Hi, I ’m Grant Dalton. Welcome aboard.“ Wow! Dalton gilt nicht zuletzt wegen seiner spektakulären Round-the-World-Rennen als Segelheld in seiner Heimat. Dean Barker kommt und nimmt seinen Platz an der Pinne ein. Auch er ist einer der ganz Großen: 2008 schaffte er es auf Anhieb, das Bribon-Team beim Med-Cup auf Platz 2 der Gesamtwertung zu steuern. Im Februar entschied er ein Rennen der Louis-Vuitton-Pazifikserie für sich.
Die Crew ist komplett, Barker startet die Maschine. Auf der Motorfahrt zum Regattakurs auf dem Atlantik heißt es viel trinken und gut eincremen, denn die Sonne vor der portugiesischen Küste brennt erbarmungslos. Kurz vor Erreichen des Start-Kats werden die Segel gesetzt, erst das Groß, dann die Genua. Maschine aus. Stille.
Als die Tonnen liegen und endlich Wind die Segel füllt, geht augenblicklich ein Ruck durch die 7,5 t schwere Rennflunder. Kein Wunder: Die 52 Fuß (15,85 m) lange Yacht mit 340 Quadratmeter Segelfläche am 24 m hohen Mast gilt als überaus gut besegelt. Konstruiert in den USA als Einheitsklasse für das Transpac-Race von Kalifornien nach Hawaii, ist die TP (wie Transpac) 52 mittlerweile auch in Europa verbreitet, vornehmlich im mediterranen Raum. „Die TP-Klasse segelt schneller als vergleichbare, größere Rennyachten“, erklärt Blake Burkett vom Med-Cup-Regattakomitee und begründet das mit dem hochstabilen und dabei sehr leichten Rumpf, dem großzügig dimensionierten Rigg und dem tiefen, schmalen Kiel, an dessen Ende die Ballast-Bombe hängt.
Die guten Segeleigenschaften haben sich schnell herumgesprochen. So nutzt das Team New Zealand um Steuermann Dean Barker die Regattaserie für den Zusammenhalt und das Training seiner Crewmitglieder. Dazu gaben die Kiwis sogar ein neues Boot bei den Designern Botin & Carceek in Auftrag. Die in der Cookson-Werft in Neuseeland gebaute Yacht wurde rechtzeitig zum Beginn der ersten Etappe des diesjährigen Med-Cups im Mai vor Alicante fertig.
Das Boot, auf dem wir nun vor Portimão stehen ist offensichtlich jeden seiner 1,5 Millionen Euro Baukosten wert: „Die Yacht läuft perfekt, es gibt keine Probleme“, kommentiert Segel-Heroe Grant Dalton das erfolgreiche Abschneiden bei den ersten drei Etappen des Cups vor Alicante, Marseille und dem sardischen Cagliari. Die Kiwi-Crew ist ein eingespieltes Team. An Bord herrsche der Grundsatz des Kritisierens und Weiterentwickelns, so Dalton.
Was „weiterentwickeln“ bedeutet, wird am Ende des ersten Trainingsrennens vor Portimão, der vierten Station des Cups, schnell klar. Noch auf dem Wasser, auf dem Weg zurück zur Marina, zählt Skipper Dean Barker die aus seiner Sicht nicht optimal gelaufenen Manöver auf und fordert die Crew zu Statements auf. Wie können auch die kleinen Patzer bei der nächsten Regatta vermieden werden? Dabei spricht er ruhig, fast leise, aber bestimmt. Ein Crewmitglied notiert sich die einzelnen Punkte. Später an Land werden sie von der kompletten Crew abgearbeitet.
Im letzten Jahr konnte Barker mit seiner Kampagne „Platoon powered by Team Germany“ den fünften von 21 Plätzen erringen, hinter dem siegreichen Quantum-Team (USA), Bribon (Spanien), Matador (Argentinien) und der schwedischen Artemis-Crew.
Etwa drei Millionen Euro kostet eine komplette Med-Cup-Kampagne, inklusive des neuen Bootes, sagt Grant Dalton. Das ist viel Geld. Zu viel für einige Teams. So lange über die Austragungsmodalitäten des nächsten America’s Cups weiter im Gerichtssaal gestritten wird, verwundert es nicht, dass einige Kampagnen vorerst auf Eis gelegt wurden. So erwischte es in diesem Jahr auch Jochen Schümann, Skipper beim Platoon-Projekt von Harm Müller-Spreer.
„Es ist eine Schande, dass Jochen mit seinem deutschen Team in diesem Jahr nicht am Start sein kann“, beklagt Grant Dalton den von ihm hoch geschätzten, für 2009 verlustig gegangenen Sparringpartner. „Wir hoffen sehr, dass Schümann im nächsten Jahr beim Med-Cup wieder mit einer deutschen Kampagne als Skipper am Start sein wird.“
Das Nichtzustandekommen einer deutschen Kampagne beim diesjährigen Med-Cup ist doppelt bitter: Es war just der Augenblick, da die deutsche Segeltalent-Förderinitiative „Sailing Team Germany“ laufen lernen sollte. Ganz musste die Regattaszene auf den deutschen Ausnahme-Segler Jochen Schümann jedoch nicht verzichten: Als der 31-jährige Teamchef und Skipper Flavio Marazzi aus Bern nach einer Möglichkeit suchte, sich vor seiner vierten Olympia-Teilnahme in der Star-Klasse sportlich weiterzubilden, kreuzten sich die Wege der beiden Segler.
Schümann heuerte bei „Marazzi Sailing“ an. Doch eines stand von Anfang an fest: Oberste Priorität hatte Flavios Training auf dem Starboot. Marazzis Team segelte deshalb lediglich die erste Etappe vor Alicante mit, kam auf Platz 8 – und verabschiedete sich für den Rest der Regattaserie.
Von Sieg zu Sieg eilen derweil Dean Barker und Grant Dalton mit ihrem Neubau mit der Segelnummer NZL-380 im Hauptsegel. Als den Kiwis mit dem Sieg vor Portimão erstmals in der Geschichte des Med-Cups der Hattrick mit drei aufeinander folgenden Siegen gelingt, kennt die Euphorie an Bord des schwarzen Kohlefaser-Neubaus keine Grenzen. Kein Team scheint am Ende des vorletzten Cup-Stopps in Sicht, das die Neuseeländer auf dem Kurs Richtung Gesamtsieg noch stoppen könnte.
Im nächsten Jahr werden die Karten neu gemischt. Dann könnte endlich eine deutsche Kampagne als ernst zu nehmender Gegner vorne mitspielen. Dreidimensionales Schach nennt Jochen Schümann den Med-Cup. Dean Barker, Chef der Emirates-Crew, sieht das entspannt: „Es geht nicht immer nur darum, zu gewinnen. Es muss auch Spaß machen.“
Apropos Spaß: Nie erlebte ich ein ähnlich erfolgsorientiertes, professionelles und rasantes Segeln. Beeindruckend, wie jeder Handgriff der Crew auf Anhieb saß. Wenden, Halsen und Spi-Manöver dauerten nur Sekunden. Gesprochen wurde dabei – fast – nie. Während des Segelns herrschte immer eine fast körperlich spürbare, knisternde Spannung an Bord. Die Gesichter der Profisegler – wie aus Stein gemeißelt, hoch konzentriert. Ist das der Preis für den Sieg bei hochkarätigen Rennen wie dem Med-Cup?
Text: Matthias Müncheberg