Schön & Schnell

07/2009

Schön & Schnell

Boote, mit denen Könner die Grenzen der auf dem Wasser möglichen Geschwindigkeit ausloten, sind ein ganz eigenes Kapitel des Bootsbaus. Kräftig motorisiert, mitunter bunt lackiert und preislich immer im gehobenen Segment, sind Performance-orientierte Motorboote für ihre meist verspielten Besitzer vor allem eins: ein Vehikel der Geselligkeit auf dem Wasser.
Ignoriert von Institutionen des Wassersports, beargwöhnt von zu Recht besorgten Umweltschützern, hart reglementiert von der Wasserschutzpolizei ziehen Veranstaltungen wie der für Mitte Juni angesetzte „Schnellbootarmada-Poker-Run“ in der Lagunenstadt Ueckermünde bis zu 100 mit dem eigenen Boot startende Teams an.
Urvater des Rennbootbaus in der Form, wie wir ihn heute kennen, ist Don Aronow. Der zuvor im Immobiliengeschäft reich gewordene Bootsfan gründete und verkaufte jeweils nach einigen Jahren so bekannte Bootsschmieden wie Magnum, Cigarette und Formula. Von 1963 an entwickelte er Rennboote aus dem damals noch ungebräuchlichen Werkstoff GFK. Hergestellt wurden sie in der 188. Straße von North Miami, die als „Thunderboat Row“ Berühmtheit erlangen sollte.
Don Aronows Name lebt bis heute in der von ihm eingeführten Marke Donzi fort. Die hier zu Lande offiziell über Spencer Marine in Monaco lieferbaren Edelboote sind GFK gewordene Legenden: Die Donzi 43 ZR fuhr 98,0 Meilen pro Stunde schnell. Behagliche Klassiker wie das „Donsi Baby“ von 1964, das wir im Bootshandel-Magazin 09/2006 vorgestellt haben, besitzen bei 22 Fuß Länge immerhin 470 PS.
In Opa-Locka, am Rande der Metropole Miami, produziert Cigarette schnelle Boote vom Feinsten – oder feine Boote vom Schnellsten. Die zurzeit flotteste Cigarette, eine 46 Racing, bewegte sich bei einer Testfahrt mit rund 275 km/h übers Wasser. Ihren Namen verdankt die Marke einem ungewöhnlich schnellen Schmugglerschiff aus den Zeiten der Prohibition.
Ein paar Kilometer weiter nördlich entstehen die Powerboote der Marke Sonic, die Modelle von 26 bis 45 Fuß Länge fertigen. Ganz neu ist der 38 Outboard Cruising Cat, der sich durch (für ein Rennboot) besonders geringen Treibstoffdurst auszeichnen soll. Hier zu Lande wird Sonic von International Yachting in Boltenhagen angeboten, wo wir die 31 SS getestet haben. Sonic-Boote zeichnen sich häufig durch extravagante, aber edle Farbkombinationen und bestes Fahrverhalten aus.
Ebenfalls in Florida, ganz im Süden der Halbinsel, ist Nor-Tech ansässig. Deren Multihull-Flitzer sind unter anderem als Pace-Boote für die Powerboot-Rennserie der Class 1 im Einsatz. Das „kleinste“ Modell, kürzlich zu sehen beim Poker-Run vor Ueckermünde, ist der Nor-Tech Super Cat 3600. Für reines Renngefühl an Bord des elf Meter langen und 3,32 m breiten Boots sorgen je zwei Mercury-Racing-Motoren mit wahlweise 662 und 700 PS Leistung, die den rund viereinhalb Tonnen schweren GFK-Kat auf maximal 189 respektive 205 km/h beschleunigen.
Das Wort Hustler hat viele Bedeutungen, und nicht nur unanständige. Die gleichnamige Werft hat auf Long Island im Bundesstaat New York ihr Hauptquartier. Als Neuentwicklung kam in der letzten Saison die 39 Rockit auf den Markt – als Nachfolger der sehr bekannten 388 Slingshot. Das 39-Fuß-Boot folgt dem Trend nach immer höherer Geschwindigkeit: Schon mit der „Einstiegsmotorisierung“ – zwei Mercury 662 SCi mit über 1.300 PS – sind mehr als 110 Meilen pro Stunde (177 km/h) möglich.
Tief im Mittleren Westen schließlich, fern jeder Küste, hat der Offshoreboot-Produzent Formula seine Produktionsstätten. 1962 von Don Aronow in Miami gegründet, steht die Werft in Familienbesitz für konstante Evolution, besonders auffällig zu sehen in der Entwicklung des Fas3tech-Stufenrumpfs.
Beim Pressemeeting am Luganer See konnte vor kurzem eine ganze Flotte der flotten, häufig bunt lackierten Boliden besichtigt werden. Die „Swiss Edition“ der 382 Fastech (mit 2 x 375 PS von Mercruiser und Axius) zeichnet sich durch einen extrem niedrigen Geräuschpegel aus, der den strengen Schweizer Lärmvorschriften entspricht.
Als europäischer Produzent von Performance-orientierten Motorbooten sticht MSA-Marine-Systems aus Hatzenbühl mit den Spider Power Boats hervor. 2006 reifte bei MSA – welche die weltweit patentierten Saro-Tunnel-Antriebe in Lizenz herstellen und vertreiben – der Entschluss, ein exklusives Paket aus Boot und 300SXR-Antrieben für den europäischen Markt zu konzipieren. Der Spider 24 V war da. Durch die exklusive Verwendung der hauseigenen Tunnelantriebe erzielt das Boot schon mit „normaler“ Motorleistung sehr gute Fahrwerte. Da sich, so Geschäftsführer Martin Sand, die Rümpfe durch sehr stabile Fahreigenschaften auszeichnen, bietet man auch sehr hohe Motorleistungen an.
Viele weitere Marken und Hersteller tummeln sich im Markt PS-starker, sehr flotter Motorboote für Nicht-Rennfahrer, darunter auch solche, die sich selbst nicht im Zusammenhang von Poker-Runs sehen möchten. Die Fans der schnellen Boote haben Zulauf – und noch einiges zu tun, um das rüpelige Image abzustreifen, das viele Powerboot-Hersteller bis heute selbst verstärken: durch Bilder sparsam bekleideter Frauen, die überall an Bord zu sehen sind, nur nicht am Steuer.
Text: Stefan Gerhard

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