Praxis Stahlschiffe beurteilen Messe Interboot Friedrichshafen
148 Seiten Markt & Magazin
Will man ein gut erhaltenes oder professionell restauriertes Boot ergattern, sollte man auf ein paar Knackpunkte achten. Zunächst steht die Überlegung an, wofür und von wem ein solches Boot genutzt werden soll. Zum einen sind die so genannten "Plastboote", wie damals die offizielle Bezeichnung lautete, nur für den Binnenbereich und teilweise für kleine Außenbordmotoren geeignet. Auch lange Wanderfahrten sind aufgrund bauartbedingter Unbequemlichkeiten für mehr als zwei Personen nicht unbedingt zu empfehlen.
Damals wurden gerne Autoteile mit verbaut, so zum Beispiel die nach heutigen Gesichtspunkten recht abenteuerliche "Bestuhlung" oder die Trabant-Frontscheibe aus Autoglas, die dem Ibis verpasst wurde. Im Gegenzug bekommt man aber ein handwerklich hochwertig gefertigtes Bötchen, bei dessen Rumpf es fast nie zu Osmoseproblemen kommt, der reparaturfreudig ist und eine hohe Lebenserwartung hat.
Trotzdem muss man die GFK-Schale genau in Augenschein nehmen. Wie sieht die Oberfläche aus? Ist es noch das Original-Gelcoat? Durch jahrelange Nutzung und damit verbundene Witterungseinflüsse ist das Material vielleicht poröser und damit auch anfälliger für Verschmutzung geworden.
Wurde der Rumpf nachträglich lackiert? Dann sollten Sie in Erfahrung bringen, ob sich darunter größere Reparaturstellen befinden – und vor allem, wann und durch wen die Farbschicht aufgetragen wurde. Nach einigen Jahren muss der Rumpf in diesem Fall nämlich abgeschliffen und neu lackiert werden. Sofern man solche Arbeiten nicht selbst machen will oder kann, wird der Geldbeutel damit erheblich belastet.
Beim Lotos gibt es die Besonderheit, dass das Boot werftseitig mit einem Wartburg-Einbaumotor ausgerüstet wurde. Standard war hier eine Einkreiskühlung, durch die der Motor allerdings stark verschmutzen und verrosten konnte. Weil diese Motoren in ihren Abmessungen sehr flach sind, passt in den Schacht kein anderer Innenborder hinein. Das führt zu Problemen, wenn die Maschine den Geist aufgibt. Denn nur mit etwas Glück findet man einen funktionstüchtigen Wartburg, um einen Austauschmotor zu bekommen. Auch Ersatzteile sind hier und da noch zu finden.
Ganz erfinderische Geister sind inzwischen dazu übergegangen, ersatzweise einen Außenborder an den Heckspiegel zu hängen. In diesem Fall muss aber überlegt werden, ob der erforderliche Aufwand, nämlich Umbau und Verstärkung des Spiegels, in einem vernünftigen Kosten-Nutzen-Verhältnis steht. Zudem sollte sich ein Kaufinteressent vergewissern, ob genau das, nämlich die Verstärkung des Heckspiegels, vom Vorbesitzer auch fachmännisch durchgeführt wurde.
Aus den alten Papieren, sofern vorhanden, kann man die zulässige Motorisierung des jeweiligen Modells ersehen. Immer wieder trifft man nämlich auf Gebrauchtboote, die zu große Motoren tragen – und das betrifft nicht nur Boote aus DDR-Zeiten. Das "Aufrüsten" ist nicht nur technisch riskant, sondern letztendlich auch ein Versicherungsproblem, da bei einem Haftpflichtschaden nicht gezahlt werden muss.
Bis 1995 durften die Boote übergangsweise mit der alten DDR-Beleuchtung gefahren werden, danach nur noch mit den so genannten BSH-Positionslaternen. Für einen Sammler ist es natürlich immer interessant, ein Boot im Originalzustand zu bekommen. Befahren darf er die deutschen Wasserstraßen mit der Ursprungsbeleuchtung aber nicht. Die Wasserschutzpolizei hat auf ordnungsgemäße Beleuchtung und Motorisierung inzwischen einen wachsamen Blick.
In der DDR war die technische Überprüfung aller Sportmotor- und Segelboote Pflicht, und zwar alle fünf Jahre. Für Eigenbauten musste sogar ein Sachverständigengutachten erstellt werden – also unbedingt nach alten Aufzeichnungen und Unterlagen fragen, damit man den Lebenslauf und die technischen Details seines "Schiffs" möglichst vollständig hat.
Wenn gar keine Papiere vorhanden sind, was gelegentlich bei Booten vorkommt, die häufig den Besitzer gewechselt haben, lohnt sich ein Blick ins Internet. Hier findet man von vielen Modellen Zeichnungen und Bedienungsanleitungen oder Berichte über Umbauten, beispielsweise bei oldieboote.de.
Wer zum ersten Mal mit einem solchen Boot liebäugelt und wenig Ahnung vom tatsächlichen Erhaltungszustand hat, sollte prüfen, ob der angebotene Kaufpreis angemessen ist – und welche Folgekosten der Kauf nach sich ziehen könnte, damit das Boot dem geplanten Einsatz zugeführt werden kann.
Es gibt heute noch eine Reihe von Fachleuten, die damals an der Produktion beteiligt waren oder sich schon viele Jahre mit DDR-Sportbooten auseinander setzen, bei denen kann man sich wertvolle Tipps holen. Ein fachmännisches Urteil durch einen Bootsexperten, auch im Hinblick auf eventuelle Instandsetzungskosten, lohnt sich bei den heutigen Kaufpreisen ab 2.000 Euro – denn auch die sollten nicht "in den Sand gesetzt" sein.
Text: Evelyn Breuer