Wenn Senioren mit Motoren...
Eines Tages saß ein Mann in den besten Jahren vor mir im Büro und fragte verzweifelt nach einem älteren Dieselmotor. Das war vor Jahren. In der Zwischenzeit hatte sich der Skipper alters- und erfahrungsbedingt etwas zurückgenommen.Man segelte nicht mehr jedes Wochenende. Eigentlich konnte er kaum sagen, wann die Segel das letzte Mal gesetzt worden waren. Bei seinem letzten, schon etwas kleineren Boot hatte er wirklich Pech: Der Motor (die Marke tut hier nichts zur Sache) hatte eine Heimreise nicht überstanden und war mit Kühlwasserproblemen stehen geblieben. Zum Glück waren Clubkameraden in der Nähe, und man war „am Haken“ schnell im Heimathafen angekommen. Ein Freund aus dem Club war Autoschlosser, der musste her. Sein Urteil: Die Kopfdichtung sei schuld. Er habe aber weder Zeit (noch Lust), den Motor zu reparieren.
Dann also zur Werkstatt. Der Motor kam raus, und am Ende lag auf der Werkbank der Motor in Einzelteilen – mit defekter Kopfdichtung und zwei Kolben, die leicht „gefressen“ hatten! Alles reparabel. Aber es war schon eine stattliche Summe, die der Chef auf seinem Angebotszettel stehen hatte. Zufällig stand im Ausstellungsraum ein toller Motor in genau der Größe, die unser Skipper sich vorgestellt hatte. Man kam ins Gespräch, und der Chef legte noch einen drauf: 15 % Preisnachlass für das „Ausstellungsstück“, und von den Kosten am alten Motor reden wir gar nicht! Das mit der neuartigen Elektronik sei ganz einfach: Wenn etwas nicht stimmt, drückt man auf die Taste im Display. Schon hat man den Fehler ermittelt, und die Fahrt kann weiter gehen. So einfach ist das.
Doch wenn man in der Nachkriegszeit groß geworden ist, als Lehrling jeden Tag mit dem Fahrrad zehn Kilometer zum Betrieb gefahren ist, über den zweiten Bildungsweg das Fachabitur nachgeholt hat und dann auf der Seefahrtschule per Rechenschieber Matheklausuren geschrieben hat, besteht (je nach Veranlagung) eine gewisse Hemmschwelle und innere Ablehnung gegen Laptop und Computer. Denn gerade die haben an Bord erst spät das Kommando übernommen, und da war unser Skipper schon in Frührente.
Den Überredungskünsten und dem Sonderpreis für den neuen Motor war die Skepsis des motorlosen Bootseigners aber unterlegen. Der Motor wurde gekauft und von der Werkstatt gleich eingebaut. Es war ein ganz neues Gefühl, wenn er jetzt an Bord kam, den Schlüssel ins Zündschloss steckte und unten der neue Motor brummelte, gemäß dem Motto „Der Lotse ist an Bord, es kann jetzt losgehen!“
Das ging so lange gut, bis sich beim Drehen des Zündschlüssels nichts tat bis auf ein leichtes Aufflackern des Displays. Die Betriebsanleitung musste her, die seit der Kurzeinweisung ungelesen in der Schublade des Kartentischs lag. Von den anderen Umständen, die man als Mann im besten Alter hat, ganz zu schweigen: Die Brille war weg!
Das hat dann seine Ehefrau geregelt: Sie setzte sich damit durch, dass nun endlich an seiner Brille zunächst ein blöder Bindfaden angebunden wurde, der dann beim nächsten gemeinsamen Stadtbummel von ihr versöhnlich gegen ein farbiges Designerbändchen mit Gummi-Ösen vom Kaffeediscounter ausgetauscht wurde. Dass da alle fünf Zentimenter eine Kaffeebohne abgebildet war, störte ihn nicht, denn er ist mittlerweile vom Vorteil dieses Bändchens überzeugt, würde es aber gegenüber seiner Frau nie zugeben.
Dann war die Betriebsanleitung nicht da, wo sie hingehört! Natürlich war sie da, aber Männer finden nur immer das, was obenauf liegt. Da in der Zwischenzeit je eine Zollabrechnung und eine Bunkerrechnung obendrauf lagen, war die Betriebsanleitung natürlich nicht an ihrem Platz.
Seine Frau hat dann angefangen zu suchen und zog die Schublade auf. Trotz seinem Selbstschutz „Da brauchst du gar nicht suchen, da habe ich schon geguckt!“ hat seine Ehefrau dann nach zwei Minuten die Betriebsanleitung gefunden. Dies zum Thema Teamwork an Bord bei älteren Leuten!
Nun hatte er das Problem, den Fehler am Motor in die Sprache der Betriebsanleitung zu übersetzen: Welchen Fehler suche ich, wenn mein Motor nach dem Drehen des Zündschlüssels keinen Ton von sich gibt? Ihm fielen tausend Dinge ein, warum ein Motor nicht startet: kein Dieselkraftstoff, Wasser im Motor, Batterie kaputt, Starterschalter defekt usw. Allein das Display machte ihm Probleme: Er kam einfach nicht zum Menüpunkt „Fehlersuche“. Erst gezielt und später wahllos drückte er die Tasten, um festzustellen, dass er nicht zurechtkam.
Zu Hause legte er in solchen Fällen die TV-Fernbedienung beiseite und rief seinen Sohn an. Der kam dann kurz vorbei, tippte ein paar Mal auf die Tasten und meinte dann trocken, der Sender hätte seine Sendefrequenz ändern müssen, und das habe er wieder einjustiert. Auf die mutige Frage, wie er das gemacht hat, kam die Information: Du drückst auf die, die und die Taste, dann sucht der Fernseher den Rest von allein. Du musst dann nur noch bestätigen. Schon beim Tschüß-Sagen wusste er nicht mehr, wie sein Sohn das gemacht hatte. Er tröstet sich dann damit, dass er andere Qualitäten hat und viele Dinge kann, die andere Leute nicht können.
In der Zwischenzeit hatte sich an Bord eine gewisse Ratlosigkeit breit gemacht. Es war Samstagmorgen, und alle am Steg und auf den Booten hatten genug mit sich selbst zu tun. Sie reagierten nur genervt, wenn man sie motormäßig ansprach. Nach Beratung mit der besten Ehefrau der Welt entschied man sich, auf ein Wochenende auf See diesmal zu verzichten und Frieden zu geben. Am Montag wollte er dann den Chef der Werkstatt noch einmal anrufen und um Rat fragen.
Montag dann der Einsatz vom Chef selbst: Mit zwei Messungen per Spannungsprüfer hat er festgestellt, dass die Batterie hoffnungslos leer war. Ursache war eine Reihe unglücklicher Zufälle! Ein Schalter war nicht ausgeschaltet, ein Erdschluss war im E-System, und der Bootsnachbar am Steg hatte seinen Stecker vom Ladegleichrichter herausgezogen. Der hatte in einer Fachzeitschrift gelesen, dass man bei Gewitter den Stecker vom Ladegerät ziehen müsse, um einen Blitzschlag zu vermeiden. Netter Nachbar, denkt an alles!
Dann kam es dicke! Eines Tages, mitten in der Bootssaison, kurz nach dem Starten, gab es ein komisches Geräusch vom Motor. Die erste Reaktion war: Mit der Drehzahl runter! Dann horchen, um dem Motor danach langsam wieder etwas mehr Dampf zu geben. Zunächst lief auch alles gut, dann aber wieder dieses Knattern. Der Motor schüttelte sich. Das klang nicht gut! Motor „aus“!
Das mit dem Betriebsanleitungsbuch, so wusste er nun, klappt nicht. Also gleich über UKW den Freund und Clubkameraden Herbert angemorst, der war noch in der Nähe. Eine Stunde später war man wieder, mit Kurs gen Heimat, am Haken.
Die Werkstatt hat dann am folgenden Montag Wasser im Brennstoff festgestellt – mit dem Hinweis, dass er großes Glück gehabt habe. Es sei nur ein Düsenstock defekt. Die Rechnung war dem entsprechend niedrig: Drei Stunden Montage, ein Düsenstock = 452,00 Euro + 19 % MWSt. Das alles für ein versautes Wochenende. Da bekommt man Respekt vor der Seefahrt!
Und dabei war der Brennstofftank noch nicht wieder sauber. Den Tank hat er dann die ganze Woche über selber gelenzt, gereinigt und neu mit Dieselöl gefüllt. Wenn er dann völlig fertig und genervt nach Hause kam, gab es den passenden Kommentar seiner besten Ehefrau der Welt: „Geh gleich in die Waschküche. Zieh dich aus und dann unter die Dusche, Du stinkst wie ein Puma!“ Solche Situationen brennen tief in der Seele eines Skippers.
Frage: Warum müssen Ehefrauen ihren Männern in solchen Situationen immer sagen, dass sie duschen müssen. Oder fragen, ob sie auch ein frisches Hemd angezogen haben?
Irgendwann, nachdem sich die Pechsträne mit dem Bootsantrieb fortsetzte und unser Skipper wieder erkennbares ohne eigenes Verschulden vor dem Motordisplay hockte, das auch nach zehnmaliger Rückschaltung beharrlich „Error“ anzeigt, wusste er: Ich bin auf See und vor Gott allein! Das muss ich ändern! Womit wir wieder am Anfang unserer Geschichte sind!