Sein bestes Stück

03/2011

Sein bestes Stück

Mathias Lühmann, Bootsbaumeister aus Hamburg, hatte einen Traum: einmal eine richtige venezianische Gondel zu bauen.

Und weil Hanseaten gerne Nägel mit Köpfen machen, zog er hinaus in die Welt und mit seinem Hausstand um nach Venedig, der Stadt der Gondeln. Das war im Jahr 2003. Auf der Insel Certosa, knapp zwei Kilometer Luftlinie oder fünf Vaporetto-Haltestellen von San Marco im Zentrum entfernt, bekam er als Bootsbauer eine Anstellung bei der Werft „Vento di Venezia“. Hier begann er, neben seiner eigentlichen Arbeit, mit dem Gondelbau – eine Aufgabe, die er bald bewältigte. Und viele andere Boote folgten.

Als Kleinserie fertigte er fünf Nachbauten des legendären Lagunenflitzers DP-7, benannt nach den Initialen des ursprünglichen Herstellers Dalla Pieta. Das Vollgleiter-Motorboot aus hochwertigem Mahagoni wird, nicht nur im Original, heute als Rarität gehandelt. Als Crew des schnellen Lagunenseglers „San Pierota“, gebaut vom Hanseaten Lühmann, erobern die Werftbesitzer Alberto Sonino (ehemals Tornado-Weltmeister) und Matteo Vianello (mehrfacher italienischer Hobie-16-Meister) regelmäßig das Siegertreppchen bei den Regatten der regionalen norditalienischen Traditionssegler.

Dem klassischen Holzbootbau gilt die Leidenschaft des deutschen Bootsbauers. Stolz liegt in Mathias Lühmanns Blick, als das auf Hochglanz polierte, zu Repräsentationszwecken dienende Motorboot des Magistrats von Venedig nach seinem umfangreichen Refit wieder ins Wasser gekrant wird. Auch, wenn „nur“ ein kleines Arbeitsboot zur Überholung in der Halle steht, schwärmt Lühmann von der traditionellen Holzbauweise, die für Robustheit steht und ein langes Bootsleben garantiert.

Als Dozent ist Mathias Lühmann ebenfalls begehrt und das gleich nebenan: Der venezianische Ableger des Europäischen Designinstituts IED bietet in Sichtweite der Vento-di-Venezia-Werft einen zwölfmonatigen Masterstudiengang im Yachtdesign an. Durch die nahe Werft können angehende Boots- und Yachtgestalter ihre zukünftige Arbeitsumgebung unmittelbar kennen lernen und nicht nur aus dem gläsernen Konstruktionsbüro heraus. Sebastiano Morassuti, der Leiter des Studiengangs, ist über diese Verbindung von Ideen und Praxis sehr froh. Und Morassuti ist ein Mann mit einigem Renommee: Sein eigenes Konstruktionsbüro arbeitete an diversen italienischen Yachten für den America's Cup mit.

Am liebsten ist Mathias Lühmann aber bei seiner Bootsbauer-Arbeit – auf alt hergebrachte Weise in Holz. Weil er auf seiner, von Stress und Touristen verschonten Insel seine innere Ruhe gefunden hat, stand sein Entschluss schon bald nach der Ankunft vor acht Jahren fest: Er bleibt in Venedig, beim traditionellen Bootsbau auf seiner Insel.

Certosa mit seiner wechselhaften Vergangenheit als mittelalterliches Munitions- und Versorgungsdepot und als Militärinsel geht einer neuen Bestimmung entgegen. 2003, im Jahr von Lühmanns Ankunft, wurde das Eiland von der Stadt Venedig zur neuen Nutzung ausgeschrieben. Alberto Sorino und Matteo Vianello, damals noch Profisegler, heute „Inselchefs“, erhielten mit ihrem stimmigen Nutzungskonzept den Zuschlag.

Die moderne Marina der Insel wird ausgebaut – mit erweitertem Liegeplatzangebot auch für Besucheryachten. Venedigs jüngste Bootswerft legt mit Mathias Lühmanns Kenntnissen Neubauten auf Kiel und gilt weithin als Spezialbetrieb für Reparaturarbeiten in Holz und Kunststoff. Der Ruf der Designakademie schließlich reicht bis zu den Nobelwerften an der italienischen Westküste.

Lühmanns Meisterstück schwimmt heute auf den Kanälen Venedigs: Es ist die einzige Gondel, die jemals von einem Nicht-Venezianer gebaut wurde – und die in der serenissima, wie die Stadt der Gondeln auch genannt wird, regelmäßig zum Einsatz kommt.