Manfred Ernst: Der Doyen des DDR-Bootsbaus

05/2010

Manfred Ernst: Der Doyen des DDR-Bootsbaus

Er nennt sie seine Kinder. Und es gibt viele davon. Manfred Ernst hat schätzungsweise 80 Prozent der Motorboote entworfen, die in der DDR gebaut wurden. Auch viele der Jollenkreuzer und Jollen aus dieser Zeit entstanden nach seinen Plänen. Seine Boote waren ein Exportschlager.

Manfred Ernst wird im Sommer 75. Er trägt einen grauen Bart zum blauen Pullover, wie Wassersportler in seinem Alter häufig. Theoretisch ist er im Ruhestand. Aber praktisch ist er noch gut im Geschäft. Er unterstützt seinen Sohn, der einen Großhandel für Yachtausrüstung betreibt. Und er sitzt in seinem kleinen Büro am Reißbrett und zeichnet. Wie immer. Vor ihm die große Platte, der Bogen Papier, den das Licht sauber von links hinten beleuchtet. In der Hand das Lineal. Mit klarem Gespür für Form und Zweck geht er ans Werk. Es gibt noch Zeichnungen, die er mit 13 gemacht hat. Auch damals schon ging es vor allem um Motorboote. Er wollte nie etwas anderes.


Ernst geht in sein kleines Archiv unter dem Dach in seinem Haus im Berliner Bezirk Schmöckwitz, der Garten direkt am Langen See. In flachen Schubladen lagert sein Lebenswerk. Es umfasst zeitlos schöne Motorboote wie die „Baltic“, die „Nordsee“, die „Ostsee“ oder den kleinen Flitzer „T4“, der an der geschwungenen Scheibenstütze zu erkennen ist – und an den Armaturen vom alten Wartburg. Viele seiner Entwürfe wurden ein Renner. Der „Seestern LX“ zum Beispiel wurde allein auf der Bootswerft Stapel im brandenburgischen Fürstenberg mehr als 100-mal gebaut. Liebhaber zahlen für diese Boote heute stolze Preise.


Der Vater, Theo Ernst, war Werftbesitzer in Berlin-Grünau. Nach dem Krieg hatten ihn die Russen enteignet. Das hat Manfred Ernst geprägt. Er wuchs mit der Idee auf, dass eines Tages, wenn die DDR nicht mehr ist, die Familie die Werft zurückbekommen würde. Aber es kam anders. Im Einigungsvertrag heißt es: Wer unter Besatzungsrecht enteignet worden ist, der bekommt nichts zurück. So wurde die Werft nach 1990 privatisiert. Manfred Ernst bot zwar mit, aber die Treuhand gab einem Investor aus dem Westen den Zuschlag.


Der Vater hatte, nachdem die Werft weg war, ein Konstruktionsbüro aufgebaut. Der Sohn wollte auch entwerfen. Er lernte Bootsbau, studierte, sammelte in einem Konstruktionsbüro für Hochseeschiffe erste Erfahrungen. Sein Lehrer war Bruno Engelbrecht, der ehemalige Besitzer der Yachtwerft Berlin. Eine Zeit lang saß Manfred Ernst beim volkseigenen Betrieb Yachtwerft im Büro, 1960 stieg er in den Betrieb des Vaters mit ein, um ihn bald darauf zu übernehmen.

Der Anfang lief glänzend. Damals gab es zusätzlich zur Herbstmesse in Leipzig auch eine Bootsausstellung in Berlin-Grünau. Manfred Ernst zeigt Bilder von damals: Motoryachten mit viel edlem Holz, komplett ausgerüstet bis hin zum Geschirr. Auf den Tellern stand in goldenen Buchstaben der Name des Schiffs. Ernst und seine Kollegen überführten die Boote in den Westen.


Anfang der 1970er-Jahre war es mit den Exporten vorbei. Die Werften wurden in volkseigene Betriebe überführt. Nun hieß es, Manfred Ernst zitiert den „großen Direktor“ des VEB Yachtwerft: „Wir werden doch nicht Arbeiterschweiß vergießen, damit sich die Kapitalisten ihren Arsch in der Sonne bräunen.“


Er grinst wie ein Schildbürger, wenn er erzählt, wie er als Selbstständiger die DDR-Zeit überstanden hat: Er gab sich als freischaffender Künstler aus. Als solcher zahlte er nur 20 Prozent Steuern. „Das war wie Torte mit Schlagsahne", sagt Ernst. Er tritt an sein Regal, holt ein Buch hervor, das er wie einen Schatz hütet: die Besteuerung des Arbeitseinkommens. Der schmale Band mit Tabellen belegt, wie genial dieser Trick war. Als selbstständiger Ingenieur hätte er bis zu 68 Prozent Steuern gezahlt. Er aber gab an, nicht zu konstruieren, sondern zu gestalten. Was im gewissen Sinne ja auch zutraf. Denn auch wenn ein Haufen Technik mit im Spiel ist, lebt eine Yacht auch von der Ästhetik: „Die Kunst besteht darin, aus der Kunst Geld zu machen", wurde zu Manfred Ernsts Devise.


Die Aufträge kamen zu ihm. Wer ein Boot bauen wollte, konnte die Pläne bei ihm erwerben und zahlte für die Lizenz. Seine Kunden waren Selbstbauer ebenso wie Betriebe. Aber auch für einzelne Schmuckstücke wurde er gebucht: Walter Ulbricht verschenkte Ernst-Boote an Ägyptens Präsident Nasser und Jugoslawiens Staatspräsidenten Tito. Und der Unternehmer Herbert Quandt ließ sich von ihm ein Rennboot entwerfen. „Aber", sagt Ernst, „die meisten, die meine Boote hatten, gehörten nicht zur Prominenz." Er selbst ist Segler. 1961 war Manfred Ernst DDR-Meister im Finn, später lag er in der H-Jolle vorn. Inzwischen hat er sich vom aktiven Sport zurückgezogen. Aber wenn auf dem Langen See die O-Jollen ihre Regatten aussegeln, hat er vom Schlafzimmer aus das Startfeld im Blick. Er lacht fast, wenn er davon erzählt. Eigentlich hat er sich immer gut geschlagen.

Text: Cornelia Gerlach 


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