Henrike Gänß, Designerin
Was passiert, wenn frau eine Yacht komplett neu denkt? Erst zersägte die Jungdesignerin Henrike Gänß eine werftneue Hanse 320. Nun gestaltet sie den Innenraum der neuen Dehler Varianta 18.„Der momentane Innenausbau-Trend bei Segelyachten besitzt Loftcharakter“, sagt Henrike Gänß. „Es wird versucht, diese Atmosphäre vom Land in das Schiffsinnere zu holen. Je größer das Schiff, desto authentischer gelingt die Illusion.“ Die 27-Jährige, in Stuttgart geboren, nach dem Studium in Halle an die Ostsee in Greifswald übergesiedelt, ist Deutschlands interessanteste Yacht-Innendesignerin.
Mit wachen blauen Augen beobachtet Henrike Gänß das Geschehen auf dem großen Messestand der Hanse Group auf der Boot & Fun Berlin, der ganz ihrem neuesten Projekt gewidmet ist. Gestern war hier die Weltpremiere der neuen Varianta 18 von Dehler, die im Innenraum klar die Handschrift der Designerin trägt; waren Prominente da und alte Fans des kompakten Dehler-Klassikers, die sehen wollten, was die junge Frau mit dem bis an die Augenbrauen reichenden Pony ihnen über Innenraumkonzepte erzählt.
Nach dem Abitur (mit Auszeichnung) und Gesellenbrief als Tischlerin studiert sie Innenarchitektur an der Hallenser Designhochschule Burg Giebichenstein. Das tat Henrike Gänß so gut, dass sie prompt in die Studienstiftung des Deutschen Volkes aufgenommen wurde, ein Fulbright-Stipendium erhielt und am renommierten Washington Alexandria Center in den USA lernen durfte. Vor vier Jahren folgte die Mitgründung des Designbüros hoch5. Nach einem weiteren Stipendium dann ein Architekturpraktikum – bei Tezuka Architects in Tokio.
„Abdeckungen, Leisten und Sikaflexfugen machen das Bild scheinbar perfekt. Sie lassen auf den ersten Blick ein Segelloft entstehen“, kommt Gänß aufs eigentliche Thema zurück. Die dreidimensionale Rumpfform spüre man – wenn überhaupt – nur noch dann, wenn die Schrankfächer nach unten hin immer kleiner würden, sich der Stauraum als Vieleck entpuppe oder man von außen einen Blick auf die Yacht werfe. „Einem zweiten, nämlich innenarchitektonischen Blick halten viele Möbel und Details oft nicht stand.“ Das wollte sie ändern, sagt die Jungdesignerin. Und lacht.
Ihre Diplomarbeit, die sie 2008 an der Hochschule für Kunst und Design vorlegte, will nicht weniger, als den eingefahrenen Begriff des Boote-Bauens von Grund auf revolutionieren. An den bisherigen Yacht-Ausbaukonzepten sei der Ursprung, der Bezug zum besonderen Ort Meer kaum noch abzulesen. Was Michael Schmidt dazu brachte, sich auf ein besonderes Experiment einzulassen, war vielleicht genau dieser Erkenntnis der Meeresferne moderner Yachten geschuldet. Der Hanse-Yachts-Chef stellte der Henrike Gänß für ihr Diplomprojekt „H2Omage – oder wenn das Interieur baden geht“ einen Hanse-320-Rumpf zur freien Verfügung. Wohl auch um zu sehen, was die junge Frau genau meinte, als sie – ohne den Werftchef zu kennen – zu Hanse-Gründer Schmidt ging und ihm frech ins Gesicht sagte, es sei doch „alles Mist, was ihr hier in Greifswald macht“. Jedenfalls sinngemäß.
Oberstes Ziel für Henrike Gänß war es immer, die gängigen Lösungen in Frage zu stellen. Der Hanse-Rumpf sollte zu einem Vehikel umgebaut werden, das dazu geeignet war, „diese Welt zu erfahren“. Dem Nomaden der Neuzeit sollte das neue Interieur einen Bezug zur Natur und der Wasserwelt bieten, erklärt die gebürtige Schwäbin. Das Boot als „Vermittler zu den Tiefen der geheimnisvollen Ozeane“ – in eine fremde, schöne, wilde und unvorstellbare Welt. Gänß lernte viel über das Funktionieren des Meeres. Ihrem Vorbild Jacques Piccard folgend, erforschte sie die Wasserwelt. Dann setzte sie um, was sie gelernt hatte: zum Beispiel das Prinzip der großen unterseeischen Kelp-Wälder bei der Gestaltung des Yacht-Innenraums, wo man – wie zwischen den Seetangwedeln ein paar Meter unterhalb des Kiels – viel Nützliches verstecken, sprich verstauen konnte.
Das Einsiedlerkrebs-Prinzip nutzte Gänß zur Konstruktion eines Kühlsacks, sie fächerte den Niedergang nach Riffstrukturen auf und massierte die Füße der Segler durch einen, dem Wattenmeersand ähnlichen Bodenbelag. Sie siedelte an der Bord-Innenwand nach dem Seepockenprinzip Stauräume an. Und sie machte sich Gedanken, wie der Bootsrumpf leichter, dabei aber stabiler und lichtdurchlässig wird. So kam sie auf eine Rumpfkonstruktion nach dem System der Kieselalgen. Eine bestimmte Lichttechnik habe es schließlich ermöglicht, Lichtstimmungen auf der Bordwand zu erzeugen wie beim nächtlichen Lumineszieren von Tintenfischen.
Für das Entkernen oder, wie Henrike Gänß es nennt, die „Befreiung des Rumpfes“ lieh sich die Designerin passendes Arbeitsgerät, recherchierte zum Thema Arbeitsschutz und begann, die einlaminierte Innenschale Stück für Stück herauszuflexen. Ihr schlechtes Gewissen, das sie dabei zeitweise beschlich, wurde verdrängt von ihrer Idee einer innovativen Yacht. Rückschläge habe sie tapfer weggesteckt, etwa dann, als der Schleifstaub plötzlich Feuer gefangen hat und gelöscht werden musste. Spricht's und verschwindet im „Salon" des neuen 18-Fuß-Kleinkreuzers von Dehler, bei dem, quasi als Gegenstück zu einem Segelloft, mit Hilfe einer jungen Designerin der verstaubte Begriff von Inneneinrichtung auf einer Yacht komplett neu gedacht wurde. Nebenbei erreichte Gänß damit eine Konzentration auf das Wesentliche beim Segeln: „Nicht das bloße Sehen von Natur reicht aus, um sie zu spüren. Es gehört viel mehr dazu", zitiert sie den Architekturtheoretiker Christopher Alexander wie einen eigenen Wahlspruch: „Den Hauch des Windes zu spüren, die Geräusche der Natur zu hören, um sie ganz zu erleben und sich ihrer Kraft zu besinnen."
Text und Foto: Matthias Müncheberg