Eine Mütze für jede Gelegenheit

10/2009

Eine Mütze für jede Gelegenheit

Wenn seine Kunden kalte Ohren kriegen, dann kommen sie zu ihm. Das weiß Lars Küntzel aus Erfahrung, Krise hin oder her.

Lars Küntzel ist Inhaber eines kleinen Traditionsgeschäfts in Hamburg. „Der Mützenmacher, Walther Eisenberg“, steht an der Tür. Seit 1892 besteht der kleine Laden in der Hamburger Innenstadt – und hat somit schon mehr als einmal schwere Zeiten überdauert.
Im Schaufenster ist das ganze Sortiment seiner Schippermützen ausgestellt: 18 Modelle, die Namen wie Elbsegler, Fleetenkieker, Atlantic und Altona tragen. Größter Bekanntheit erfreut sich die Elblotsenmütze, gemeinhin Prinz-Heinrich-Mütze genannt. Berühmt wurde sie unter anderem als Lieblingskopfbedeckung des früheren Bundeskanzlers Helmut Schmidt, der bis heute Küntzels Kunde ist.


All diese Mützen näht Lars Küntzel nach klassischen Schnitten aus über 20 Einzelteilen an einer alten Pfaff-Nähmaschine in der im Hinterraum des Ladens gelegenen Werkstatt. Verwendung finden nur bewährte Materialien wie dunkelblaues Marinestrichtuch aus reiner Schurwolle und feinstes Schweinsleder für das Schweißband. So eine von Hand gemachte Mütze wird nach zwei Jahren Hamburger Schietwetter oder spritzender Gischt erst richtig schön. Eine industriell gefertigte Mütze müsste man nach derartiger Beanspruchung ersetzen.


Und so kommt es, dass Lars Küntzel seine zufriedenen Kunden häufig recht lange nicht sieht. Außerdem bietet er einen Reparaturservice an, sodass man seine Lieblingsmütze nach ausgiebigem Gebrauch zum Ausbessern oder zum Einnähen eines neuen Schweißbands zu ihm bringen kann. Aber auch jemand, der nach vielen Jahren den Laden wieder betritt, wird das Gefühl haben, erst kürzlich dort gewesen zu sein. Denn nicht nur die Mützen sind die Gleichen geblieben, auch der Laden selbst hat sich seit Vorkriegszeiten kaum verändert.

In wuchtigen Vitrinen und Holzregalen stapeln sich Mützen und Hüte. An den Wänden von unbestimmbarer Farbe hängen alte Schwarzweißbilder, Schnittmuster und Postkarten von Kunden. Nicht so alt wie die Einrichtung, aber ebenso malerisch sind die beiden Französischen Doggen, die in der Werkstatt ihr Lager haben, und die nicht einmal den schlimmsten Hunde-Phobiker erschrecken könnten.


Als Lars Küntzel das Geschäft 1992 erwarb, tat er es, weil es ihm so gut gefiel – nicht um es zu verändern. Weil sein Vater, ein Segler, hier seine Mützen kaufte, kannte er den Laden schon als Kind. Als der alte Eisenberg einen Nachfolger suchte, ließ er sich von ihm das Mützennähen beibringen und übernahm das Geschäft. Mittlerweile braucht der gelernte Maschinenbauer zur Herstellung einer Mütze etwa zwei Stunden. Sie bilden nach wie vor sein Hauptgeschäft und kosten zwischen 64,50 Euro für einen Elbsegler, dem beliebtesten Modell, und 152 Euro für eine Luxus-Schippermütze aus Kaschmirwolle.


An Fremdware kauft er lediglich Panamahüte für den Sommer, marineblaue Strickmützen und hüftlange Marinejacketts aus dunkelblauem Wollstoff, Kolanis genannt, dazu. Obwohl er nichts speziell für Damen in seinem Sortiment führt, hat er dennoch Kundinnen, denen seine Modelle, wie er findet, ausgezeichnet stehen.


Modische Abwechslung ist es nicht, was die Kundschaft – die aus Hamburgern aller Schichten, vom Hafenarbeiter über Barkassenführer bis zum hanseatischen Aristokraten und natürlich aus Seglern von überallher besteht – hier sucht. Theoretisch erfüllt Lars Küntzel auch Sonderwünsche seiner Kunden. Die haben jedoch gar keine, sondern wollen das, was schon immer gut war. Wer glaubt, man könne mit derart unverwüstlichen Mützen gar kein Geschäft machen, irrt. Ganz umsonst ist die Reparatur der alten Mütze nicht. Und wer im Laden steht und entdeckt, dass es den geliebten Elbsegler auch als leichteres Sommermodell gibt und auch in der Farbvariante Weiß, und dass ein neuer Elbsegler bei aller Liebe doch schön stiff aussieht neben dem soeben reparierten … der hat schnell eine Lieblingsmütze für jede Gelegenheit.

Text: Andrea Taubenheim; Foto: Frank Taubenheim


Kanzlers und Küntzels Mützen kennen lernen? Persönlich ist das möglich in der Steinstraße 21, 20095 Hamburg, Tel. (040) 33 57 03 oder im Onlineladen unter muetzenmacher.de


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