Claus Ehlers: Der Feuermacher von Övelgönne

12/2009

Claus Ehlers: Der Feuermacher von Övelgönne

Es war der zweitlausigste Job auf den Dampfern. Aber Claus Ehlers liebt ihn. Er hockt sich vor den Kessel, schaut ins Feuerloch, hält ein Streichholz rein und sagt: „Da ist Zug drin.“ Der Mann ist Heizer.

Er befeuert die Kessel auf der Dampfpinasse „Mathilda“, einem zwölf Meter langen schmalen, schnittigen Holzboot, das im Museumshafen von Övelgönne in Hamburg unterwegs ist.


Claus Ehlers hat Glück. Denn auf der „Mathilda“ sind Dampfmaschine und Kessel nicht im dunklen Bauch des Schiffs wie auf B. Travens Totenschiff und der „Titanic“. Sondern mitten im Salon. Da, wo sich auf Motoryachten der Kajüttisch befindet, glänzen hier polierte Messingrohre, Zylinder, Kolbenstangen und die knallrot lackierten Schwungscheiben der Kurbelwelle. Mitten im Schiff ruht hinter einer Mahagoni-Verkleidung der Kessel, der von vorn beheizt wird.


Eine Dampfpinasse zu fahren ist etwas für Menschen mit Zeit. Da kann man nicht einfach den Schlüssel umdrehen, der Motor springt an und los geht’s. Man muss warten, bis der Kessel heiß ist und der Dampf genug Kraft hat, die Kolben zu bewegen. Claus Ehlers hat Zeit. Seine Tochter ist groß, seine Frau interessiert sich für Engel und Aura. Da ist es gut, wenn er öfter mal etwas Eigenes vorhat.
Gut zwei Stunden, bevor die Fahrt losgeht, kommt er in den Hafen, steigt in seinen Blaumann, legt Grillanzünder ins Feuerloch und trockene Holzscheite darüber, zündet das Feuer an und dreht sich eine Zigarette. Wenn die erste Glut da ist, legt er Brocken Kohle auf. So erwärmt sich langsam der Kessel und heizt die Rohre, in denen das Wasser zu Dampf wird, der sich ausdehnt, Druck aufnimmt und die Maschine antreibt.

Baujahr 1946 ist Claus Ehlers, ein schmaler Typ mit graumeliertem Seemannsbart. Er spricht Hamburger Schnack mit spitzem „s“. Er hat Fernmeldetechnik gelernt und Modellschiffe gebaut, singt in der Liedertafel mit und fährt gerne Rad. Ein Jahr, nachdem man ihn in Rente geschickt hatte, sah er im Museumshafen in Övelgönne einen Zettel. Man suche noch Leute für die „Mathilda“. Es ging um die Winterüberholung: Schleifen, Lackieren, Reparieren. Ehlers meldete sich. Fand Gefallen. Und hat gleich „blau gemacht“, das heißt: das Unterwasserschiff mit blauem Antifouling gestrichen. Für lau. Denn für „Mathilda“ arbeiten alle ehrenamtlich. Acht Leute gehören zum Kernteam, etliche andere sind immer mal dabei. Ehlers mochte die Arbeit, die Menschen und blieb.


Der nächste Sommer kam, und damit die ersten Touren. Nach Övelgönne, Sonntagsfahrten mit Ausflüglern. Zum Hafenfest nach Harburg. Touren mit Chartergästen. Jedes Mal werden dabei mindestens drei Leute gebraucht: Schiffsführer, Heizer und Maschinist. Denn bei einer Dampfpinasse legt der Steuermann nicht einfach einen Hebel auf den Tisch, sondern läutet vornehm mit einer Glocke. Dann weiß der Maschinist: Achtung, jetzt muss ich was tun. Ruft der Schiffsführer „Volle Fahrt voraus“, öffnet der Maschinist die Klappe am Dampfrohr und leitet die ganze Kraft, die der Heizer erzeugt hat, in die Zylinder.


„Vor der Maschine habe ich zu viel Respekt“, sagt Claus Ehlers, „da trau ich mich nicht bei.“ So wurde der Kessel seine Welt. Er übte, pro Stunde ziemlich exakt 16 Kilo schlesische Steinkohle zu schippen, um „Mathilda“ in Fahrt zu bringen. Verfeuert er zu viel, lassen die beiden blauen Sicherheitsventile laut pfeifend Dampf ab. Verfeuert er zu wenig, hat das Schiff keine Kraft. Genau studierte er, was im Kessel geschieht. Die Chemie muss stimmen, lernte Ehlers. Zu viel Sauerstoff im Wasser lässt die Rohre korrodieren. Kesselstein kann die Rohre dichtsetzen. Gegen beides muss man was tun. Was, das hat er in einem Lehrgang beim TÜV erfahren. Wer mit der Dampfpinasse schippert, sollte neben dem Sportbootführerschein auch einen Kesselschein haben.


Ein Jungstraum ist das alles für Claus Ehlers nicht. Vielleicht hat er, als er klein war, über Dampfmaschinen mal nachgedacht. Aber er hat nie eine besessen. „Die konnten wir uns nicht leisten“, sagt er lakonisch. Das konnte er sich abschminken, noch bevor er überhaupt anfing, sich eine zu wünschen. Für andere Männer war das anders: Zum Beispiel für den Vorbesitzer des Schiffs, Wilfried Leven aus Travemünde. Ein Autohändler. Der hatte in England in einer Scheune die Dampfmaschine gefunden, eine 2-Zylinder- Expansionsdampfmaschine im Kondensatorbetrieb mit 29 PS, Fabrikat Philips, Baujahr 1912. Wilfried Leven verliebte sich in die Maschine, und zwar so sehr, dass er auf einer Werft in Finnland nach alten Plänen ein Schiff drum herum bauen ließ: einen Nachbau der Kapitänspinasse des australischen Kleinen Kreuzers „HMS Melbourne“ von 1911, also ein kleines Versetzboot, das an Deck des Kriegsschiffes transportiert wurde und dazu diente, den Kommandanten an Land zu fahren. Stapellauf war 1996. Als Leven 2003 starb, vermachte die Familie das Schmuckstück dem Museum.
Ehlers kriegt jetzt warme Knie. Es ist Glut im Ofen, der Zeiger des Manometers wandert langsam nach oben. Aber es reicht noch nicht. Der Heizer im Ehrenamt greift zur Schippe. Wie eine Rutschbahn aus Blech reckt sich ihm die Schütte vom Kohlebunker entgegen. Er macht die Schippe voll, legt nach. Mit Schwung fliegen die Kohlebrocken in den Schlund. Fast niedlich sieht das aus, vor allem, wenn man weiß, dass auf Ozeandampfern die Kessel groß wie Einfamilienhäuser waren und die Trimmer tagein, tagaus die Kohle säckeweise aus den Bunkern zu den Heizern schleppten. Das waren schlicht andere Dimensionen. „Ich bin froh, dass ich Himmel seh bei der Arbeit“, sagt Claus Ehlers, „sonst würde ich den Job wohl auch nicht machen.“ Da sollen die Heizer von anderen Dampfern ruhig spotten.


Bis nach Flensburg sind sie mit „Mathilda“ gefahren, zum Dampf-Rundum, dem großen Treff der Dampfmaschinenszene. Mit Dampflokomotiven, Dampfmobilen, Dampfwalzen, Dampfschleppern, Dampfern. Auch zehn Dampfpinassen waren dabei. Für Claus Ehlers war es das Abenteuer dieses Sommers. 700 Kilo Kohle hat er bis Flensburg verfeuert. Aber es hat sich gelohnt, sagt er. Allein schon wegen der Gänsehaut. Wo auch immer sie hinkamen: Sie wurden bewundert. In den Häfen standen die Leute fast schon ehrfürchtig am Kai, und draußen auf See hielten die Segler auf sie zu, die Crews wollten staunen und fotografieren. Claus Ehlers, der sonst mehr über Technik redet als über Gefühle, war stolz wie selten. „Auf Neudeutsch würd’ ich sagen: Das war cool.“

Text: Cornelia Gerlach; Foto: Kerstin Zillmer

Selbst Dampf machen…


… können Sie „Mathilda“ am besten mit einer Spende zugunsten des Museumshafens Övelgönne (Konto 42 95 158 00 bei der Dresdner Bank, BLZ 200 800 00, Stichwort Mathilda).


Dringend gesucht wird zurzeit ein Maschinist oder eine Maschinistin, um für den Winter geplante Arbeiten an der Welle, den Austausch einer Gleitbahn, die Erneuerung von Sicherheitsventilen und Leitungen und die Vorbereitung der Kesselrevision durchzuführen. Technisches Verständnis und handwerkliches Geschick (technischer Beruf) sind Voraussetzungen, eine Ausbildung als Maschinist ist nicht erforderlich. Anheuern? Das Bordtelefon bedient Dietrich Graefe, erreichbar unter Tel. (0171) 368 03 19.


Die Website der Dampfpinasse mit aktuellen Fahrterminen (ab Mitte April): dampfpinasse-mathilda.de


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