Der Kielbolzen

06/2012

Der Kielbolzen

So abgelegen mein Arbeitsplatz auch ist: Ich muss mich schon mal melden und Ihnen mitteilen, was mich (außer Seegang) so bewegt – und wofür unsereins herhalten muss. Als Kielbolzen hängt man ja die meiste Zeit seines Bootslebens nur so rum und hat nichts anderes zu tun als zusammen mit den Kollegen den Kiel schön grade am Rumpfkörper zu halten.

Meine Mutter ist ordentlich aufgedreht. Wenn wir aus dem Hafen fahren und Wind und Welle uns durchschaukeln, dann bin ich besonders froh, eine so innige Bindung mit meiner Mutter zu haben. Wenn die da oben nämlich meinen, sie müssten mal so richtig sportlich segeln – also mit viel zu viel Lage und Segelfläche (aber geil aussehen tut’s schon) – geht mir das ganz schön ins Kreuz und verbiegt mich armen Kielbolzen ordentlich hin und her.

Da tut es fast schon gut, wenn etwas Altöl aus der Motorbilge uns besuchen kommt, bis zu uns rüberläuft und Mutter und mich mit einem Ölfilm überzieht. Dann knirscht es auch nicht mehr so.

Früher war das noch besser: Da gab es noch keine WC-Räume, wo in jeder Dusche eine eigene Bilgenpumpe das Wasser abgepumpt hat. Früher lief das Brauchwasser rein in die Bilge und wurde mit der zentralen Pumpe außenbords befördert. Das war jeden Tag mal mehr oder weniger Wasser, je nachdem, ob eine gemischte oder eine Herrencrew unterwegs war. Doof waren allerdings die Haare, besonders der mitsegelnden Langhaartiger, die uns um die Gewindegänge gingen und ganz schön zusetzten. Der Pumpe übrigens auch.

Heute sind unsere Bilgen ja staubtrocken, denn die Klos haben eigene Wannen und Pumpen. Sogar die Motorbilge ist abgetrennt, da bleibt der Dreck beim Nachbarn. Dafür wird die Bilge heutzutage nicht mehr so oft geputzt. Und so rieseln Brösel, Brotkrumen, Sand, Fusseln und was sonst noch durch die Ritzen der Bodenbretter kommt, auf uns drauf. Das kitzelt! Aber Mutter und ich dürfen uns ja nicht rühren.

von Hans Mühlbauer