Übers Wasser in Demmin

02/2009

Übers Wasser in Demmin

Mit Zora del Buono unterwegs auf und an den Gewässern dieser Welt
Klares Wetter, winterliches Sonnenlicht, Bäume wachsen aus dem Wasser, eine liebliche Marschlandschaft. Drei Flüsse schlängeln sich durch die Ebene, treffen aufeinander, umgarnen das Städtchen, das hoch aufragt, von einer Mauer geschützt. An der Peene unten stehen trutzige Hafengebäude. Ein Paddler zieht in einem leuchtend gelben Kajak vorbei durch das schilfige Nass, ein friedliches Bild. Ein Vogelparadies mitten in Mecklenburg-Vorpommern.

Wer Demmin besucht, ahnt nicht, was hier geschehen ist. Oder spürt man es doch? Gibt es den „genius loci“, den Geist des Ortes? Fühle ich diese eigentümliche Stimmung nur, weil ich das Geheimnis der Stadt kenne? Weil ich weiß, dass sich hier in den letzten Kriegstagen 1945 ein Fünftel der Bevölkerung umgebracht hat, innerhalb von 72 Stunden? In Demmin geschah der größte bekannte Massensuizid der Menschheitsgeschichte. In diese ruhigen, flachen Gewässer sind hunderte Menschen gelaufen, Frauen vor allem, ihre Kinder an der Hand, Steine in den Taschen.

Die Russen standen vor den Toren der Stadt, als Naziobere die Brücken sprengen ließen, damit sie selber flüchten konnten. Die Bevölkerung war gefangen. Keiner kam mehr raus, rundum nur Wasser. Die Angst vor den Russen war so groß, dass die Menschen sich freiwillig in den Tod flüchteten, von Hysterie ist die Rede gewesen, von Ansteckung, wie bei einer Krankheit. Es waren so viele, in so kurzer Zeit, dass entsetzte russische Soldaten anfingen, ertrinkende Frauen und Kinder aus den Gewässern zu ziehen, die brennende Stadt im Rücken.

Am Ufer der Peene und der Tollense sitzen heute Angler auf Klappstühlen, Reiher verharren stumm, Enten und Schwäne ziehen ihre Runden. Eine Bilderbuchlandschaft. Eine Bilderbuchstadt. Eine unfassbare Geschichte.